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Emmanuelle Laborit „Der Schrei der Möwe“
Autobiographie


Emmanuelle Laborit, geboren 1971 in Paris, beschreibt in ihrem autobiographischen Buch „Der Schrei der Möwe“, ihr Leben als gehörlos Geborene.
Bis zu ihrem siebten Lebensjahr lebte Emmanuelle Laborit hinter einer gefühlten Wand.
Ärzte, Pädagogen, Logopäden hatten ihren Eltern dringend geraten, ihrem Kind keine Gebärden zu erlauben, sie müsse sprechen lernen, dann würde sie „hören“.
Sie müsse, wie alle völlig gehörlosen Kinder, Hörgeräte tragen.
Weiterhin rieten die Pädagogen und Ärzte den Eltern, sie sollten ihr Kind nicht mit erwachsenen gehörlosen Menschen zusammen bringen, das wäre ein schlechtes Vorbild.
So wuchs Emmanuelle Laborit völlig isoliert auf, glaubte, bis sie in die Vorschule kam, in der sie erstmals andere gehörlose Kinder erlebte, sie sei die einzige Gehörlose auf der Welt und sie glaubte lange, sie müsse als Kind sterben, da sie keine erwachsenen gehörlosen Menschen kannte.
Sie hatte keinerlei Kommunikationsmöglichkeiten außer einer von ihr so benannten „Nabelsprache“ mit ihrer Mutter.
Als sie sieben Jahre alt ist, erfährt ihr Vater etwas von einer sogenannten Gebärdensprache und entschließt sich, seinem Kind dieses Geschenk zu ermöglichen.
So erlebt Emmanuelle Laborit mit 7 Jahren erstmals, dass sie „ich“ ist, in dem sie es in Gebärdensprache lernt.
„Ich war unglaublich erstaunt zu entdecken, dass er Alfredo hieß und der andere Bill … Und vor allem Ich, dass ich Emmanuelle war.
Endlich verstand ich, dass ich eine Identität hatte, ICH: Emmanuelle.
Bis dahin hatte ich von mir wie von einer anderen Person gesprochen, einer Person, die nicht „ich“ war.
Es hieß Immer: „Emmanuelle ist taub.“ Das heißt: „Sie versteht dich nicht, sie versteht dich nicht.“
Es gab kein „ich“. Ich war „sie“.“ (…) … „die taube Emmanuelle wußte nicht, dass sie „ich“ war, dass sie „ich selbst“ war. Das hat sie erst mit der Zeichensprache entdeckt, und jetzt weiß sie es. Emmanuelle kann jetzt sagen: „Ich heiße Emmanuelle“. Diese Entdeckung ist ein Glück.“
„Der Schrei der Möwe“, Seite 43 und 44
Von nun an eröffnet sich ihr eine völlig neue Welt, eine Welt der Kommunikation.
Doch muss sie bald erleben, dass diese Kommunikation nur unter Gehörlosen möglich ist, die Hörenden verlangen von ihr sich in Lautsprache auszudrücken und von den Lippen abzulesen.
Auch während ihrer gesamten Schulzeit muß sie dem Unterricht auf diese Weise folgen, die Gebärdensprache wird in Frankreich erst 1991 offiziell zugelassen.
Diese Tatsache treibt sie in ihrer Pubertät in eine starke Verweigerung und sie droht auf die schiefe Bahn zu geraten.
Lediglich die Fürsorge und Liebe ihrer Eltern, die, wie ihre jüngere Schwester, als Hörende die Gebärdensprache erlernen, holen sie auf einen Weg zurück, auf dem sie das Abitur absolviert und zur Schauspielerin wird.
Bereits als Kind sammelte sie erste Kamera- und Bühnenerfahrung und feierte 1992 als Theaterschauspielerin in Frankreich ihren Durchbruch mit der Darstellung der gehörlosen Sarah in dem Stück Les Enfants du Silence (wörtlich übersetzt „Kinder der Stille“ oder „Kinder des Schweigens“, basierend auf dem Film „Gottes vergessene Kinder“ von 1986), für die sie mit dem Theaterpreis Molière ausgezeichnet wurde.
Weitere Filme folgten.
Das Thema der Vereinigung der gehörlosen und hörenden Welt liegt Emmanuelle Laborit sehr am Herzen, die Gebärde dieser Vereinigung schmückt ihr Buchcover.
Wie ist das eigentlich in Deutschland mit der Erlaubnis die Gebärdensprache zu benutzen?
Peter Hepp schreibt hierzu in seinem 2007 erschienenen Buch „Die Welt in meinen Händen“ auf den Seiten 278 bis 279:
Das Behindertengleichstellungsgesetz BGG sei am 01.05.2002 in Kraft getreten.
Dort befinde sich unter §6 der Satz: „Die deutsche Gebärdensprache ist als eigenständige Sprache anerkannt.“
Die Gebärdensprache dürfe nun (seit 2002) in Deutschland unterrichtet werden.

© Heike Herrmann-Hofstetter
Referentin für Hörsehbehinderten- und Taubblindenarbeit des BSBH


„Der Schrei der Möwe“, Emmanuelle Laborit.

Deutsche Erstveröffentlichung
Copyright 1995 by Éditions Robert Laffont, S.A., Paris
Copyright für die deutsche Ausgabe 1995 by Gustav Lübbe Verlag GmbH, Bergisch Gladbach
ISBN: 3-404-61349-X
Das Buch wurde im Bit-Zentrum aufgesprochen. Bestellnummer:A07103-Y1
1 Daisy 383 Minuten, 29 Euro
Bit-Zentrum
Aufsprachedienst
Telefon 089/55988140
e-mail: bit@bbsb.org

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